Pressestimmen

Verbesserte Therapieaussichten für Rückenmarkverletzte

Murnau, 11.08.2017. Die Behandlung von Patienten mit Querschnittlähmung erfolgt interdisziplinär und ist durch wissenschaftliche Forschung geprägt. Neue Studien helfen, den Patienten bestmöglich zu versorgen, um seine größtmögliche Selbstständigkeit zu erhalten. Eine Forschungsgruppe der BG Unfallklinik Murnau hat in ihrer wissenschaftlichen Studie jetzt nachgewiesen, dass Zeit ein entscheidender Faktor ist.

Vor der Jahrtausendwende folgten Mediziner der damals herrschenden Meinung, Patienten mit klinisch kompletter Rückenmarkverletzung könnten von keiner chirurgischen Behandlung profitieren. Schlimmer noch nahm man an, sie könnten bei inkompletten Verletzungen nur verlieren. Die Versorgung erfolgte erst nach langer Wartezeit oder konservativ beispielsweise mit langer Bettruhe. In den letzten Jahren kam es jedoch zu einem Paradigmenwechsel. Erste Studien belegen, dass eine Versorgung innerhalb von 24 Stunden nach dem Eintreten der Verletzung zu einer Verbesserung des neurologischen Befundes führen kann.

„Die BG Unfallklinik Murnau versorgt Patienten mit Rückenmarkverletzung rund um die Uhr, weil immer ein Neuro- oder Unfallchirurg im Dienst ist, der die Patienten adäquat versorgen kann. Zudem erfolgt die Behandlung des Patienten zumeist interdisziplinär“, beschreibt PD Dr. Martin Strowitzki, Chefarzt der Neurochirurgie, die Versorgung medizinischer Notfälle. Die Murnauer Akutklinik weist damit ein besonders gutes Versorgungsnetzwerk rückenmarkverletzter Patienten auf. „Viele Länder können eine derart schnelle Behandlung gar nicht gewährleisten. In England erfolgt die Versorgung der Patienten im Schnitt erst nach 2,5 Tagen und in Amerika ist die Versorgung aufgrund der geographischen Verteilung der Krankenhäuser oftmals sehr unterschiedlich“, erklärt Dr. Doris Maier, Leitende Ärztin des Zentrums für Rückenmarkverletzte der BG Unfallklinik Murnau.

Am Standort Murnau sind zwischen Juli 2004 und Juli 2014 insgesamt 70 Patienten mit akuter traumatischer zervikaler Rückenmarkverletzung in die Studie miteingeschlossen und begleitet worden. Ziel dieser Studie war es festzustellen, inwiefern Patienten, die früher operativ behandelt wurden, von einem noch besseren Behandlungsergebnis profitieren können. Im Zentrum für Rückenmarkverletzte wurde also untersucht, ob eine operative Behandlung innerhalb der ersten acht Stunden zu einem verbesserten neurologischen und funktionellen Befund führt. Bei 35 Patienten gelang eine derart frühzeitige Dekompression, sprich eine Druckentlastung des Rückenmarks. Bei den anderen 35 Studienteilnehmern, zumeist zeitlich verzögert zuverlegten Patienten, erfolgte die Dekompression erst später. Beide Patientengruppen sind in einem Nachbeobachtungszeitraum von einem Jahr mit fünf Untersuchungszeitpunkten begleitet worden. Für die klinische Einschätzung der Studienteilnehmer sind die Anamnese und die körperliche Untersuchung systematisch im Rahmen eines Klinischen Assessments erfolgt.

Im Ergebnis der Murnauer Studie zeigt sich, dass eine möglichst frühe operative Versorgung bei akuter traumatischer Querschnittverletzung anzustreben ist. „Diese Patienten wiesen beispielsweise funktionell relevante motorische Funktionen unterhalb der Rückenmarksschädigungsstelle auf“, führt Dr. Lukas Grassner das Studienergebnis aus. Dies ist insbesondere bei Patienten mit Halsmarkverletzung essentiell, da jeder Gewinn an Funktion hier zu einem Mehrausmaß an Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit für den Patienten führt, etwa im Hinblick auf selbstständigere Transfers oder selbstständiges Blasen- und Darmmanagement. Auch im Bereich der Aktivitäten des täglichen Lebens sowie der Selbstversorgung schnitten die früh operierten Patienten vergleichsweise besser ab. In einem nächsten Schritt plant das Versorgungsteam an der BG Unfallklinik Murnau, die Technik weiter zu verfeinern. Analog jüngster Studienergebnisse aus England bietet es sich an, ein Konzept aus der Kopfchirurgie zu übernehmen, um so das Rückenmark bei der Eröffnung der harten Rückenmarkshaut weiter zu entlasten.

Eine Dekompression innerhalb der ersten acht Stunden führte im Rahmen der Studie zu einem besseren neurologischen Ergebnis. Nähere Einzelheiten zur Studie sind im Journal of Neurotrauma veröffentlicht und wurden hier online publiziert. Das Ziel des interdisziplinären Behandlungsansatzes ist die maximale Funktionsverbesserung und Selbständigkeit der Patienten entsprechend der jeweiligen Lähmungshöhe. Die frühe Versorgung unfallverletzter Patienten mit Rückenmarkschädigung kann den Weg in ein möglichst mobiles und selbstbestimmtes Leben positiv beeinflussen. Zur 68. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie wurde der Vortrag zudem einem breiten Fachpublikum vorgestellt.

  Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

Lisa Schwede

Leiterin Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

  08841 48-4484 lisa.schwede@bgu-murnau.de